Gluten - schädlich oder harmlos?

Häufig liest man, dass Gluten Entzündungen und Erkrankungen im Körper auslösen kann. Zudem soll eine glutenfreie Ernährung eine Besserung bei Menschen mit Autismus mit sich bringen. Daher sollte man laut Internet und diverser Bücher auf diesen Inhaltsstoff verzichten. In Österreich stehen glutenhaltige Lebensmittel jedoch regelmäßig auf den Speiseplan. Ist Gluten wirklich so schädlich und sollte daher gemieden werden?

Was ist Gluten?

Gluten oder Klebereiweiß ist das wichtigste Speicherprotein in vielen Getreidesorten. Es kommt in Weizen, Gerste, Dinkel, Roggen, Einkorn, Emmerkorn und weitere Getreidesorten vor. Aufgrund der Eigenschaften von Gluten wird es in der Lebensmittelindustrie als Träger für Aromastoffe oder Emulgator eingesetzt. Für Menschen, die gerne backen ist Gluten ein wichtiger Bestandteil, ohne diesen könnte man kein Brot, keine Weckerl und keine Mehlspeisen zubereiten.

Wann muss man auf Gluten verzichten?

Ein genereller Verzicht ist nicht erforderlich, solange man keine der beiden Erkrankungen hat: Zöliakie oder Glutensensitivität. Rund eine Person von 100 Österreicher*innen ist von einer Zöliakie betroffen, bei der Glutensensitivität gibt es keine Daten diesbezüglich. Sollte man dennoch die Vermutung haben durch eine glutenfreie Ernährung werden die Beschwerden weniger, sollte dies ärztlich oder diätologisch abgeklärt werden.

Zöliakie

Bei der Zöliakie, einer chronischen Autoimmunerkrankung, ist ein komplettes Meiden von Gluten notwendig. Da das Klebereiweiß, aufgrund einer überschießenden Immunreaktion, die Darmzotten angreift und zerstört. Dadurch können bei Betroffenen eine Mangelernährung, Verdauungsbeschwerden, ungewollter Gewichtsverlust, sowie bei Kindern eine Wachstumsstörung auftreten. Auch die Wahrscheinlichkeit an Darmkrebs zu erkranken ist vielfach erhöht. Bei Zöliakie ist daher das lebenslange Meiden von glutenhaltigen Lebensmittel erforderlich.

Glutensensitivität

Bei der Glutensensitivität hingegen ist der Konsum von Gluten für einen bestimmten Zeitraum deutlich zu reduzieren. Häufig berichten Betroffene von Verdauungsbeschwerden, welche durch Gluten oder ATIs (Amylase Trypsin Inhibitoren), einem Schutzmittel der Pflanzen gegen Fressfeinde, ausgelöst werden. Die Glutensensitivität kann sich bei Einhaltung der Diät verbessern, eine individuelle Toleranz ist jedoch dauerhaft zu beachten.

Symbol für glutenfreie Lebensmittel

Gluten und Autismus

Immer wieder thematisiert wird, dass eine glutenfreie Ernährung eine Besserung bei Menschen mit Autismus bringen soll. Manche Studien zeigen bis dato einen positiven Effekt, vermutlich aufgrund des Placebo-Effekts. Diese Interventionen wurden jedoch nur zwischen 1-4 Wochen mit fehlender Kontrollgruppe durchgeführt, weshalb sie keine wissenschaftliche Evidenz abbilden.

Ein systemischer Review, also das zuverlässigste Studiendesign, welche mehrere Studien mit bestimmten Kriterien zusammenfasst, konnte keine Effekte einer glutenfreien Diät im Vergleich zu einer glutenhaltigen Ernährungsweise belegen. Zudem ist die schwierige Umsetzung einer solch strengen Ernährung, vor allem für Kinder aufgrund von Stigmatisierung, schwierig. Von einem Verzicht auf Gluten wird daher auch bei Autismus abgeraten.

Hat man bedenken an Zöliakie oder Glutensensitivität zu leiden, sollte man dies bei einer Ärztin/einem Arzt oder einem Diätologen/einer Diätologin abklären lassen. Ein Ernährungs-Symptom-Tagebuch kann hierbei unter anderem als Diagnosemittel eingesetzt werden. Eine Selbstdiagnose ohne Rücksprache mit einer Expertin/einem Experten ist nicht empfehlenswert.

Fazit: Ein Meiden ohne feststehende Diagnose ist nicht notwendig und hat keine gesundheitlichen Vorteile. Anders als bei der Zöliakie werden die Darmzotten bei Gesunden nicht durch Gluten zerstört, da das Immunsystem keine Überreaktion auf den Inhaltsstoff zeigt. Zusammenfassend kann man daher sagen, dass negative Folgen durch das Klebereiweiß bei Gesunden laut aktuellem Wissensstand ausgeschlossen werden können.

Gluten
...ist ein wichtiges Protein in Weizen, Gerste, Dinkel, Roggen, Einkorn, Emmerkorn und viele mehr.
Zöliakie
...ist eine Autoimmunerkrankung, bei der glutenhaltige Lebensmittel gemieden werden müssen.
Glutensensitivität
...wird von Gluten oder ATIs ausgelöst und führt zu Verdauungsbeschwerden. Eine getreidearme Ernährung ist notwendig.
Gluten und Autismus
Eine glutenfreie/arme Ernährung ist bei Autismus keine Therapieoption.
Fazit
Eine glutenfreie/arme Ernährung ist nur bei feststehender Diagnose sinnvoll. Gluten hat KEINE gesundheitlichen Nachteile.
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Quellen

  • https://www.zoeliakie.or.at/zoeliakie1/was_ist_zoeliakie.asp
  • https://www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/Artikel/201802/078h/index.php
  • https://www.aerzteblatt.de/archiv/197517/Glutensensitivitaet-Selbstdiagnose-meistens-falsch
  • https://www.dzg-online.de/https://nutritionfacts.org/video/is-gluten-bad-for-you/
  • https://flexikon.doccheck.com/de/Glutentm_source=www.doccheck.com&utm_medium=DC%2520Search&utm_campaign=DC%2520Search%2520content_type%253Aall&utm_content=DC%2520Search%2520gluten
  • https://flexikon.doccheck.com/de/Glutensensitivit%C3%A4t
  • https://flexikon.doccheck.com/de/Z%C3%B6liakiehttps://publications.aap.org/pediatrics/article/139/6/e20170346/38726/Nutritional-and-Dietary-Interventions-for-Autism
  • https://link.springer.com/article/10.1007/s10803-015-2564-9
  • Kasper, H., & Burghardt, W. (2020). Ernährungsmedizin und Diätetik: Unter Mitarbeit von Walter Burghardt (13. Edition). Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH.

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